Der Schulweg – Ein Problem der Eltern? Was du als Lehrperson tun kannst
- Thomas Richter, Institutsleiter

- 18. Okt. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Apr.

Der Gong ertönt, doch die Anspannung aus der Pause löst sich nicht auf. Ein Konflikt, der sich auf dem Schulweg oder an der Bushaltestelle ereignet hat, schwappt ins Klassenzimmer und vergiftet die Lernatmosphäre. Als Lehrperson stehst du sofort im Zentrum eines Dilemmas: Einerseits liegt der Schulweg rechtlich in der Verantwortung der Eltern, andererseits spürst du, dass die Situation das Schulklima und das Wohl der Kinder beeinträchtigt.
Dieser Leitfaden fasst alle fachlichen Aspekte aus unserer langjährigen Erfahrung zusammen und gibt dir einen strukturierten Plan an die Hand – von der Deeskalation bis hin zu drastischen, aber manchmal notwendigen Massnahmen.
1. Die rechtliche Ausgangslage: Wer ist verantwortlich?
Grundsätzlich liegt die Verantwortung für den Schulweg bei den Erziehungsberechtigten. Ein direktes Eingreifen deinerseits birgt theoretische Risiken wie den Vorwurf der Nötigung, Freiheitsberaubung oder gar Körperverletzung, wenn du ein Kind festhältst.
Die gute Nachricht: Der Kinderschutz hat immer Vorrang. Wenn ein Kind durch Vorfälle physisch oder psychisch stark leidet und eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, bist du als Lehrperson sogar verpflichtet, zu handeln. Zudem ist ein Eingreifen oft sinnvoll, da Konflikte vom Schulweg das Miteinander in der Schule belasten und Lösungsversuche durch Eltern untereinander erfahrungsgemäss oft eskalieren.
2. Die Basis: Deeskalation und erste Gespräche
Bevor du grössere Massnahmen ergreifst, beginne mit deeskalierenden Gesprächen.
Konfliktlösung mit Kindern: Vermeide es, in der Vergangenheit nach Schuldigen zu suchen. Richte den Fokus auf die Zukunft: «Was können wir ab heute tun, damit es euch beiden wieder besser geht?». Frage auch nach früheren Erfolgen: «Was habt ihr bisher gemacht, damit der Schulweg ohne Streit funktioniert hat?».
Eltern ins Boot holen: Gib Eltern Tipps für ein konstruktives Gespräch untereinander: in ruhiger Atmosphäre stattfinden lassen, sich gegenseitig zuhören und sich auf zukünftige Lösungen statt auf Schuldfragen konzentrieren.
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3. Das Handwerkszeug der Lehrperson: Ein strukturierter Ansatz
Wenn Gespräche nicht ausreichen, kannst du drei wirksame Hebel parallel einsetzen: Haltung, Präsenz und Transparenz.
Haltung: Teile den Kindern klar und deutlich mit, was du von den Vorkommnissen hältst. (z.B. «Ich habe gehört, dass ... Wenn das stimmt, finde ich das sehr daneben.») .
Präsenz: Erhöhe deine physische Anwesenheit.
Begleite Kinder einen Teil des Weges.
Fahre im Bus mit oder lass eine neutrale Person (z.B. aus der Schulverwaltung) mitfahren.
Sprich regelmässig mit dem Buspersonal.
Erscheine «zufälligerweise» auf dem Schulweg.
Transparenz: Täter agieren gern im Verborgenen. Schaffe Transparenz, damit sie sich beobachtet fühlen.
Lass dir regelmässig vom Schulweg berichten.
Erstelle eine Befindlichkeitskurve, indem Kinder ihre Stimmung täglich auf einer Skala bewerten.
Zusätzlich kannst du strukturelle Massnahmen ergreifen, um die Wahrscheinlichkeit von Konflikten zu senken:
Kinder zeitlich gestaffelt auf den Schulweg lassen.
Geeignetere Gruppen bilden, z.B. ein älteres Kind fragen, ob es die Jüngeren begleitet.
Nach Absprache mit Eltern die Route ändern.
Sitzplätze oder Wartebereiche im/am Bus zuordnen (dies liegt in der Kompetenz des Fahrpersonals).
4. Wenn mehr nötig ist: Die Gruppe und das Netzwerk aktivieren
Manchmal braucht es den Einbezug weiterer Personen.
Zuschauende zu Helfenden machen: Aktiviere die Gruppendynamik, aber immer zu 100% auf freiwilliger Basis.
Zivilcourage-Training: In speziellen Trainings lernen Kinder, wie sie in schwierigen Situationen angemessen helfen können.
No Blame Approach: Bilde eine kleine Gruppe aus einflussreichen Kindern, schildere das Problem (ohne Schuldzuweisung) und suche gemeinsam nach Lösungen, die die Gruppe umsetzen kann.
Erwachsene vernetzen: Spätestens jetzt sollten alle relevanten Erwachsenen an einen Tisch geholt werden: Eltern, Schulleitung, Schulsozialarbeit, Busunternehmen etc..
Ziel des Netzwerks: Eine rote Linie definieren, bei deren Überschreitung alle informiert werden, und eine gemeinsame Konsequenz festlegen.
5. Drastische Massnahmen: Wenn rote Linien überschritten werden
Wenn alle bisherigen Massnahmen keine Wirkung zeigen und die Vorkommnisse schwerwiegend sind, müssen drastische Schritte geprüft werden.
Anfrage beim Rechtsdienst des Volksschulamtes: Hole eine rechtliche Einordnung für den spezifischen Fall ein. Jede Situation wird individuell bewertet.
Ausschluss vom Busbetrieb: Dies ist möglich, wenn der Schulweg für das Kind ansonsten als «zumutbar» eingestuft wird (abhängig von Alter, Distanz etc.). Ist der Weg nicht zumutbar, muss die Gemeinde eine Alternative organisieren.
Rayonverbot: Die Gemeinde kann einem Kind das Betreten des Schulareals ausserhalb der Unterrichtszeiten verbieten.
KESB einschalten: Wenn ein Kind psychisch oder physisch massiv leidet, muss die Schulleitung über eine Gefährdungsmeldung bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde entscheiden. Wichtig: Eine Meldung kann sowohl für das leidende als auch für das grenzüberschreitende Kind sinnvoll sein, da beide Hilfe benötigen.
Polizei einschalten: Die Polizei ist für die Sicherheit auf öffentlichem Grund zuständig. Je älter die Kinder, desto eher ist die (Jugend-)Polizei bereit zu intervenieren. Eltern können bei Körperverletzungen auch bei nicht strafmündigen Kindern Anzeige erstatten, was bei Häufung ebenfalls zu Interventionen führt.
Fazit und externe Hilfe
Ein strukturiertes, schrittweises Vorgehen ist der Schlüssel zum Erfolg. Beginne mit niederschwelligen Massnahmen und eskaliere bei Bedarf. Wenn du anstehst, zögere nicht, externe Beratung beizuziehen.
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Thomas Richter, Institutsleiter SIG
Kontakt:
079 672 57 24




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